2. Böblinger Brandbekämpfungsseminar 2007



Internationale Referenten und 300 Gäste in der Böblinger Feuerwache

 

Eine voll besetzte Fahrzeughalle hatte die Böblinger Feuerwehr am vergangenen Samstag. Aber es waren keine Fahrzeuge, sondern Feuerwehrleute aus allen Teilen Deutschlands, Frankreich, Schweiz, Österreich, der Niederlande und Italien. Alle waren angereist, um am 2. Böblinger Brandbekämpfungsseminar teilnehmen zu können. Dieses Seminar wurde von der Böblinger Feuerwehr im Jahr 2006 zum ersten Mal mit großem Erfolg abgehalten. Und schon damals wurde die Fortsetzung im Jahr 2007 angekündigt.

 

Stadtbrandmeister Thomas Frech eröffnete pünktlich um 9 Uhr die Veranstaltung und begrüßte die rund 300 Teilnehmer und die 12 ausstellenden Firmen. Der Organisator Jürgen Ernst (auch ERHA-TEC) hatte Referenten aus der ganzen Welt eingeladen, die mit ihren Fachvorträgen zu spezifischen Feuerwehrthemen die Teilnehmer begeistern sollten. Und in der Tat hatten die Referenten aus England, den USA, Australien, Kroatien und Deutschland wieder Interessantes aus der Welt der Brandbekämpfung zu berichten. In ihren Fachvorträgen wurde berichtet, wie man aus Farbe, Dichte und Bewegung des Brandrauches deuten kann, wie groß ein Brand ist, in welchem Stadium er sich befindet und welches Gefahrenpotenzial er entwickelt. Wie man über kontrollierte Luftzufuhr den Brandverlauf beeinflussen kann oder welche Ausrüstung und Taktiken bei Waldbränden anzuwenden sind. Nach der Mittagspause standen dann noch Fachbeiträge zu Druckluftschaumanlagen und die taktische Anwendung dieses Löschmittels auf dem Programm. Für Feuerwehren wird auch die so genannte „Anleiterbereitschaft“ immer wichtiger. Anleiterbereitschaft heißt, eine Drehleiter oder tragbare Leitern so in Position zu bringen, dass eine Rettung von Personen sofort möglich ist. Und nicht nur, um Opfer aus brennenden Gebäuden zu retten, sondern im Extremfall auch Rettung für die Einsatzkräfte darstellt. Den Abschluss bildeten Fachbeiträge über Ausbildungsinhalte und –ziele in Deutschland und Kroatien.

 

Das Brandbekämpfungsseminar ist eine speziell für Feuerwehrleute angelegte Veranstaltung, in der viel Wissen vermittelt werden kann. Es kann also viele Impulse für die Ausbildung von Feuerwehren setzen. Gleichzeitig ist es aber auch eine Plattform für nationalen und internationalen Erfahrungsaustausch zwischen den Feuerwehren.




Bericht von Markus Ungerer www.einsatznetz.de - DENKFABRIK BÖBLINGEN

Zum zweiten Mal hatte die Feuerwehr Böblingen unter der organisatorischen Leitung von Jürgen Ernst zum Brandbekämpfungsseminar geladen. In der umfunktionierten Fahrzeughalle lauschten am 10. November 2007 knapp 300 Teilnehmer aus sechs verschiedenen Ländern den Vorträgen. Die Referenten aus England, Australien, USA, Kroatien und Deutschland verwandelten den Raum in eine von Fachgesprächen erfüllte Denkfabrik. Fundiert aufbereitetes Wissen führte so zu Erfahrungsaustausch und Lernprozessen.

Shan Raffel, den der Tod zweier australischer Feuerwehrmänner dazu brachte, den „Rauch zu lesen“. Foto: M.E.Ungerer

John Taylor (England), Shan Raffel (Australien), Ed Hartin (USA), Siniša Jembrih (Kroatien) und Jürgen Ernst (Deutschland) zeigten eindrucksvoll auf, wie wichtig es ist, voneinander und miteinander zu lernen.

 

Einig waren sie sich darin, dass die Feuerwehren lernen müssen, die „Lufthoheit“ über einen Brand zu erlangen. Während in einem frühen Brandstadium die Brandlast den Verlauf beeinflusst, bekommt der Zufuhr von Sauerstoff, geplant oder unkontrolliert, erhebliche Bedeutung zu. Die taktische Ventilation als gezielte Einsatzmaßnahme in Kombination mit richtiger Kühlungstechnik kann Rauchgasdurchzündungen und Rückzündungen verhindern. Somit wird nicht nur der Sachschaden minimiert, sondern auch das Leben von Einsatzkräften geschützt.

Erkennen einsatzrelevanter Situationen

Woran gefährliche Situationen und sich ändernder Brandverlauf zu erkennen seien, zeigten Taylor und Raffel eindrucksvoll und filmunterstützt auf. Ihre Aussagen zum Erkennen relevanter Situationen und der Kontrolle der Luftzufuhr zum Brandherd führten zu regen Diskussionen unter den Teilnehmern.

Hartin ergänzte seine Vorredner mit Hinweisen zur taktischen Ventilation. Seine grafisch aufbereiteten Informationen bekräftigten die Aussagen, dass es besser sei, die Feuerwehr kontrolliere die Zufuhr von Luft. Zeitlich und räumlich unbeabsichtigte Zerstörung von Raumabschlüssen durch das Feuer bedeute eine erhebliche Gefährdung für Menschen.

Einfließen der Erkenntnisse in die Ausbildung

Einsatzleiter Jembrih von der Berufsfeuerwehr Zagreb und Jürgen Ernst, Ausbildungsleiter in Böblingen, sind erfahrene Einsatzkräfte und Ausbilder.

Siniša Jembrih veranschaulichte nach einem Einblick in die Geschichte und Struktur seines Landes und der kroatischen Feuerwehr die Probleme, mit denen sein Land zu kämpfen hat.

 

Die Ausbildung der Feuerwehrleute in Brandhäusern und Brandcontainern werde mit viel Engagement vorangetrieben, muss sich aber noch durch einige Probleme kämpfen.

Der Vortrag von Jürgen Ernst beschäftigte sich mit den Zielen und Inhalten einer angepassten Ausbildung. Er legte dar, dass es unabdingbar sei, die Einsatzkräfte in den richtigen Taktiken und Techniken praktisch zu unterweisen.

Eine Absage erteilte er all denen, die das Heil alleine in Hightech-Ausrüstung sehen. Seiner Aussage nach sei eine gut ausgebildete Mannschaft in einem alten Fahrzeug besser, als schlecht ausgebildete Einsatzkräfte mit neuestem Gerät.

Weitere Vortragsthemen

Die weiteren Fachvorträge widmeten sich den Themen Waldbrandbekämpfung, Druckluftschaum und Anleiterbereitschaft.

Jan Südmersen, Osnabrück, gab Hinweise zur Optimierung von Waldbrandeinsätzen und zeigte verschiedene Taktiken auf. In zahlreichen Schaubildern waren seine Vorschläge zur Verbesserung der Waldbrandbekämpfung anschaulich aufbereitet.

Holger de Vries widmete sich in seinen Betrachtungen dem CAFS. Er ging auf die Bedeutung des Zusammenspiels von Schläuchen und Druckluftschaum ein. Deutsche Schläuche sind nicht für die Verwendung mit Druckluftschaum geprüft. Es sei wichtig zu wissen, unter welchen Umständen eben nicht mit Druckluftschaum vorgegangen werden darf.

Jan-Ole Unger aus Hamburg betrachtete die Anleiterbereitschaft als notwendige Rückzugssicherung für Einsatzkräfte im Innenangriff. Er lieferte praktisch anwendbare Vorschläge, wie Anleiterbereitschaft geübt und im Ernstfall durchgeführt werden kann.

Teilnehmerstimmen

Stellvertretend für die Seminarteilnehmer aus Österreich, Schweiz, Frankreich, Niederlande und Kroation zeigte sich Werner Hillebrand von der Wiener Berufsfeuerwehr insbesondere von den Vorträgen zur Thematik „Den Rauch lesen“ beeindruckt. Die Anzeichen im Brandverlauf zu erkennen und den Rauchaustritt zu beurteilen, seien der erste Schritt. Diesem müssten jedoch unbedingt Ausbildungen zum richtigen Verhalten und den notwendigen Gegenmaßnahmen folgen.

Nach seiner Aussage wird auch in Österreich hinsichtlich der taktischen Ventilation vielerorts der Handlungsbedarf nicht erkannt. Wertvolle Geräte, wie zum Beispiel Überdrucklüfter, würden deshalb zu oft nur für nachrangige Aufgaben eingesetzt, aber nicht aktiv in den Angriff eingebunden.

Jürgen Ernst, Organisator des Brandbekämpfungsseminars bekräftigte die Notwendigkeit des Erfahrungsaustausches und der Weiterbildung. Es freute ihn sichtlich, internationale Spezialisten auf die Bühne bekommen zu haben. Nicht minder beeindruckend sei für ihn aber auch die hohe Anzahl ausländischer Seminarteilnehmer.

Allerdings verschwieg er auch nicht den kleinen Wermutstropfen des Tages: Von den deutschen Feuerwehrschulen hatte sich niemand eingefunden.

Weiterführende Informationen

Einsatz-Netz wird in loser Folge die Referenten und die Zusammenfassung der Inhalte ihrer Vorträge vorstellen.

Auf den Seiten der Feuerwehr Böblingen sind Bilder vom Seminar zu sehen. www.feuerwehr-boeblingen.de

Markus E. Ungerer, Fachjournalist

Veröffentlicht:

12.11.2007




1. Böblinger Brandbekämpfungsseminar 2006

Am Samstag, 11.11.2006 trafen sich in der Feuerwache in Böblingen ca. 330 Feuerwehrleute aus allen teilen Deutschlands, aus Österreich und der Schweiz zu einem Brandbekämpfungsseminar. Ein eifriges Team der Freiwilligen Feuerwehr Böblingen sorgte für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung und für reichliche Verpflegung für die Teilnehmer.

Referenten Brandbekämpfungsseminar Böblingen

Die Referenten (vlnr): Jürgen Ernst (FF Böblingen), Ulrich Cimolino (BF Düsseldorf), Christian Pannier (Firma Lion Apparel), Holger de Vries (selbständiger Ingenieur für Brandschutz), Jan Südmersen (BF Osnabrück), Adrian Ridder (www.atemschutzunfaelle.de), Paul Grimwood (www.firetactics.com) und der Kommandant der FF Böblingen, Thomas Frech

 

Hier gibt es einen Überblick über die Themen der Referenten:

Am Vormittag zeigte Paul Grimwood, der international als Ausbilder für Feuerwehren tätig ist, in drei Unterrichtseinheiten Gefahren für Feuerwehrleute im Brandeinsatz und an zahlreichen Beispielen konnte man sehen, wie diese Gefahren zu erkennen sind. Als nächstes zeigte Grimwood, dessen Vortrag von Adrian Ridder übersetzt wurde, mehrere Möglichkeiten wie mit diesen Gefahren umgegangen werden kann.

Wichtig war es ihm deutlich zu machen, dass für das Erkennen und den richtigen Umgang mit den Gefahren sowohl für Führungskräfte als auch für die Mannschaften aufwändiges, drillmäßiges Üben nach verschiedenen Methoden unerlässlich ist.

Feuerwache Böblingen

Die Feuerwache Böblingen beherbergt die Abteilung Böblingen der Freiwilligen Feuerwehr, die Integrierte Leitstelle des Landkreises Böblingen sowie das Büro des Landesfeuerwehrverbands Baden-Württemberg. In der Fahrzeughalle fand das Seminar statt.

Nach der Mittagspause zeigte Jan Südmersen, in einem sehr amüsanten, mit kleinen Seitenhieben gespickten aber sehr trefflichen Vortrag, dass es in seinen Augen drei Stadien des Könnens einer Feuerwehr gibt: Zunächst sollten Grundlagen beherrscht werden, dann geht es in den Bereich des Handwerks und darüber hinaus gibt es die Handwerkskunst. Die richtige Anwendung der Maßnahmen die Paul Grimwood erläutert hatte gehört in Südmersens Augen zur Handwerkskunst. Viele Feuerwehren in Deutschland haben jedoch schon bei den Grundlagen ihre Schwierigkeiten. Und ohne die Grundlagen zu beherrschen wird jeder Versuch im Bereich der Handwerkskunst zu agieren scheitern.

Ulrich Cimolino setzte genau hier an. In seinem Vortrag zeigte er nach eigenen Angaben „nichts Neues“. Die richtige Organisation eines Einsatzführungssystems zählt bei Ihm zu den Grundlagen. Hier gibt es einige Maßnahmen, die lange nicht so kostenaufwändig sind wie das erreichen der Handwerkskunst. Allerdings müssen diese Konsequent und richtig durchgeführt werden. Vor allem nannte Cimolino die Anwendung der Führungskräftekennzeichnung z.B. mit Funktionswesten das Aufstellen und konsequente durchführen eines Einsatzstellenkommunikationskonzepts sowie die Atemschutzüberwachung.

Im Anschluss hielt Holger de Vries einen komödiantischen Vortrag in dem er das oft diskutierte Druckluftschaumsystem, auch als CAFS bekannt, kritisch betrachtete. Er versetzte die, randvoll mit Seminarteilnehmern gefüllte Fahrzeughalle der Böblinger Feuerwache in schallendes Gelächter und bat nach dem Vortrag seine Personenschützer sofort zur Sicherheit auf die Bühne.

Christian Pannier konnte zum Thema Feuerwehrschutzbekleidung einen vergleichenden Überblick über die DIN EN 469 von 2006 sowie über die, vermutlich im nächsten Jahr neu erscheinende, HuPF 2006 bieten. Hierbei ging er genaue auf die Schutzanforderungen, die es sowohl in der Norm als auch bei der HuPF (Herstellungs- und Prüfbeschreibung) zukünftig in verschiedenen Stufen geben wird. Im Vergleich wurden dann die jeweiligen Vor- und Nachteile von Norm und HuPF deutlich und es wurde klar, worauf bei der Beschaffung von Einsatzkleidung jeweils geachtet werden muss.

Zum Abschluss der Veranstaltung referierte Jürgen Ernst, der Organisator dieser Veranstaltung, über die praxisorientierte Ausbildung für den Brandeinsatz.

Er machte deutlich, dass bei der Heißausbildung oftmals falsche Ziele gesetzt und auch propagiert werden. Es geht nicht einfach nur darum mit dem Strahlrohr auf eine echte Flamme loszugehen und die Hitze zu spüren. Viel mehr müssen in einem zeit- und personalintensiven Training, bei ganzheitlichen Einsatzabläufen bestimmte Erfahrungen gemacht werden. Der Feuerwehrmann muss selbständig erkennen können wo Gefahren und wo Grenzen seines Einsatzes sind und - am wichtigsten - wie er dann jeweils zu reagieren hat.

 

Quelle: www.feuerwehr-weblog.de